
Quelle: Wolfsburger Allgemeine Zeitung, 07.04.2026, Foto: Gero Gerewitz.
Foto: Monika Schmidt überreicht eines der 55 Osterpakete an einen der Bewohner der Obdachlosenunterkunft in der Borsigstraße.
Im Hintergrund Tochter Kerstin Schmidt.
Wolfsburg. Es ist schon zu einer langen Tradition in Wolfsburg geworden: An Ostern verteilte das Ehepaar Schmidt von der St. Christophorus-Gemeinde zusammen mit der Margarete Schnellecke-Stiftung wieder Geschenke an die Bewohner der Obdachlosenunterkunft in der Borsigstraße.
55 Tüten mit allem was es für ein schönes Osterfest braucht, hatten Monika und Wolfgang Schmidt zusammen mit ihrer Tochter Kerstin gepackt.
Es ist eine kleine Aufmerksamkeit zu Ostern, denn normalerweise sind die Schmidts ohnehin einmal in der Woche da, um die dort lebenden Menschen mit Lebensmitteln zu unterstützen. Schon seit 30 Jahren machen sie das. Die Bewohner teilen sich die Geschenke untereinander auf. Es ist sonnig an diesem Karsamstag und nicht mehr so kalt wie in den vergangenen Tagen. Der Frühling steht in den Startlöchern. Das Obdachlosenheim in der Borsigstraße ist stummer Zeuge vieler menschlicher Schicksale. Die Bewohner leben in einem Industriegebiet, abgewandt von der Sonnenseite des Lebens, woanders hatten sie keinen Platz gefunden.
In der städtischen Unterkunft, die sich in der Nähe des TÜVs und des Betriebsgeländes der WVG befindet, wohnen nach Angaben der Stadt Wolfsburg aktuell 94 Menschen. Die Zahlen seien in der Vergangenheit gleichbleibend, teilte die Rathaus-Pressestelle auf Anfrage mit.
18-Jähriger flog bei seiner Familie raus
Es sind aber nicht nur einfach Zahlen, sondern Menschen, die sich dahinter verbergen. Einer der Bewohnner ist ein 18-jähriger junger Mann, der seine Mutter durch einen Autounfall verloren hat. „Ich bin bei meiner Pflegefamilie rausgeflogen. Ich wusste nicht wohin, und so bin ich vor einem halben Jahr hier gelandet.“
Er hat einen Hauptschulabschluss gemacht und plane bald in das Berufsleben einzusteigen. „Ich möchte erst einmal mein Leben in den Griff bekommen und dann sehe ich weiter“, sagt er. Seinen Namen wollte er nicht nennen. So wie die anderen Gesprächspartner an diesem Vormittag wollte auch er anonym bleiben.
Krank und nicht mehr im Berufsleben
Seit drei Jahren lebt ein 41-jähriger Mann in der Unterkunft. „Das ist eine schöne Aktion, dadurch hat man wieder ein bisschen Reserve im Kühlschrank“, sagt er über die Osterpakete. 20 Jahre lang habe er als Staplerfahrer gearbeitet und sei dann krank geworden. „Ich habe im Berufsleben nicht mehr funktioniert, mein Körper spielte nicht mehr mit.“ Natürlich versuche er, einen neuen Job zu finden. „Vielleicht klappt es dieses Jahr“, gibt er sich optimistisch.
Ein 44-jähriger und ein 29-jähriger Bewohner stehen zusammen in der Schlange vor der Ausgabe der Präsente an. Sie sind sich einig: „Das ist immer sehr hilfreich, dass wir solche Spenden bekommen“, sagt der 44-Jährige, er hatte als Tischler gearbeitet und war dann krank geworden. Auch er möchte wieder in das Berufsleben zurück. Der 29-jährige Bewohner sagt, dass die Aktion der Schmidts eine sehr nette Geste sei. „Das ist nicht selbstverständlich“, meint er. „Es ist schön, dass man uns nicht vergessen hat!“
Nach und nach werden die Geschenketüten verteilt. Bis die Menschenschlange sich aufgelöst hat. Ein paar Nachzügler gibt es. Ein Mann kommt auf einem Fahrrad angefahren, er freut sich über die Geschenke genauso, wie ein später hinzueilender, weißhaariger Bewohner. „Ich habe gar nicht gemerkt, dass es schon 10 Uhr ist“, sagt er und nimmt auch noch ein paar Hygieneartikel mit.
„Die 14 übrig gebliebenen Geschenktüten verteilen wir auch noch“, erklärt Monika Schmidt (79). Sie und ihr Mann Wolfgang (81) wissen, wo es Bedarf in Wolfsburg gibt. Seit Jahrzehnten helfen sie Bedürftigen, haben jahrelang den Caritas-Mittagstisch gemanagt und kennen dadurch viele Menschen in Wolfsburg, die sich über ganz kleine Dinge freuen können - gerade das zaubert allen Beteiligten immer wieder ein Lächeln ins Gesicht.